Warum tut sich die Regierung beim Speicherausbau nur so schwer?
Prof. Eberhard Waffenschmidt ist Ingenieur der Elektrotechnik und seit 2011 an der TH Köln, Fakultät für Informations-, Medien- und Elektrotechnik am Institut für Elektrische Energietechnik (IET). Dezentrale Speicher und Netzregelung mit Erneuerbaren sind seine Forschungsschwerpunkte. Als erster Vorsitzender des SFV ist er immer bereit, für den Solarbrief ein paar Fragen zu beantworten – vor allem wenn es sein Steckenpferd betrifft. Eberhard, sag mal: …
Die Interview-Fragen stellte Stefanie Könen vom SFV
Ebi, was steckt dahinter, wenn Netzbetreiber heute sagen, dass Netzgebiete keine Kapazität für erneuerbaren Strom haben? Könnte der Ausbau von Speichern diese Netzengpässe lösen?
Das bedeutet, dass in einer Region ein Überschuss an erneuerbarer Energie existiert und dass die Energie dann aus dieser Region in andere transportiert werden muss. Die Leitungen dazu sind möglicherweise immer häufiger ausgelastet. Speicher können das Problem verringern, insbesondere wenn sie direkt an den jeweiligen Anlagen gebaut werden. Allerdings prüfen manche Netzbetreiber den Anschluss von Speichern sehr konservativ: Der Anschluss wird nur erlaubt, wenn die Stromleitung stark genug ist, die Spitzenleistung von einem Speicher und der Spitzenleistung der dazugehörigen PV-Anlage zusammen aufzunehmen.
Der Netzbetreiber nimmt also an, dass hier das Risiko einer nicht netzdienlichen Nutzung des Speichers folgen könnte. Dabei ist die Lösung eigentlich schon längst da: Bereits seit 2023 erlaubt das EEG sogenannte flexible Netzanschlussvereinbarungen zwischen Anlagenbetreiber:innen und den Netzbetreibern. Die Idee dahinter ist simpel: Man schließt einen Vertrag, der regelt, dass die Anlage bei einer drohenden Netzüberlastung kurzzeitig gedrosselt werden darf. Der riesige Vorteil? Neue Wind- und Solaranlagen oder Speicher (oder sogar beides zusammen!) könnten sofort ans Netz gehen, selbst wenn der eigentlich zuständige Verknüpfungspunkt schon am Limit läuft. Sobald es eng wird, regelt die Anlage einfach temporär ab. Klingt nach einer Win-win-Situation. Leider sieht die Realität anders aus: In der Praxis können die Netzbetreiber noch nicht auf den tatsächlichen Netzzustand reagieren und geben stattdessen, wenn überhaupt, feste Zeiten für eine Abregelung vor. Das ist für den Speicherbetreiber dann aber unrentabel.
Woran liegt es, dass der Speicherausbau nicht vorankommt, obwohl es Netzanschlussbegehren en masse gibt?
Jeder einzelne Großspeicher (und davon reden wir hier) muss vom Netzbetreiber aufwendig geprüft werden. Das kostet Zeit und vor allem genug eingearbeitete Mitarbeiter, und die haben viele Netzbetreiber nicht in ausreichender Zahl. Diskutiert wird politisch gerade das Gegenteil. Die Bundesregierung will Speichern keine Priorität erteilen, denn das würde die Netzanschlussbegehren anderer Industrien und Gewerbe in den Hintergrund drängen.
Was sagst du als Experte zu dieser Idee: Verteilnetzbetreiber, die Netzgebiete abregeln wollen, weil es „wiederholt“ zu Netzengpässen durch überschüssigen EE-Strom gekommen ist, sollten mit sofortiger Wirkung dazu verpflichtet werden, Speicher-Container aufzustellen, welche die Lastspitzen abfangen, speichern und später wieder sinnvoll bereitstellen. In Chile, China, USA, Saudi-Arabien, Großbritannien ist das längst üblich, nur in Deutschland funktioniert das nicht. Woran liegt es?
Das wäre eine mögliche sinnvolle Lösung. Es bleibt dabei zu klären, wer das bezahlt, wem die Speicher gehören und ob man noch mehr als „nur“ Netzentlastung damit betreiben kann. Das Unbundling, also die Trennung von Netzbetreiber und Energieversorger, sorgt dafür, dass die Speicher von den Netzbetreibern „nur“ zur Netzentlastung betrieben werden dürfen. Das wird schnell unwirtschaftlich. Man müsste da die starre Trennung aufheben. Eine Lösung könnte sein, dass ein Netzbetreiber die Dienstleistung „Netzentlastung“ bei einem Speicherbetreiber in Auftrag gibt. Gleichzeitig kann der Speicherbetreiber den Speicher noch für weitere Zwecke nutzen, sofern seine Hauptaufgabe Netzentlastung darunter nicht leidet.
Durch die Leistungsbegrenzung auf 60 % oder den angekündigten Wegfall der Einspeisevergütung werden Solaranlagenbetreiber zunehmend dazu bewegt, in Batteriespeicher zu investieren. Welche Rolle spielen private Heimspeicher für den gesamtgesellschaftlichen Erfolg der Energiewende?
Ich denke, Heimspeicher werden in ähnlichem Maße zur Energiewende beitragen können, wie private PV-Anlagen auf den Hausdächern zur Gesamterzeugung von PV beitragen. Und das ist durchaus ein relevanter Anteil. 2025 waren 2,4 Millionen Heimspeicher mit einer Gesamtkapazität von 25 GWh installiert – das ist weit mehr, als die verfügbare Batterie-Großspeicherleistung.
Wären dezentrale Quartierspeicher die bessere Lösung und warum werden nicht überall solche Speicher gebaut?
Unser Forschungsprojekt zu Quartierspeichern zeigt: Für dieselbe Funktionalität in einem Quartier ist für einen gemeinsamen Quartierspeicher weniger Speicherkapazität notwendig, als wenn man die auf mehrere Heimspeicher verteilt. Allerdings ist die Nutzung von Heimspeichern im Keller ohne Zusatzkosten, während bei einem Quartierspeicher Übertragungskosten vom Speicher zu den Teilnehmern anfallen, auch wenn das Stromnetz im Quartier privat ist. Das macht das Geschäftsmodell kaputt. Der Gesetzgeber steht hier dringend in der Pflicht, die regulatorischen Probleme bei privaten netztechnischen „Kundenanlagen“ zu lösen. Solange das nicht passiert, bleiben Quartierspeicher-Ideen in der Schublade.
Welche Formen von Langzeitspeicherung siehst du für die Zukunft, um die Stromversorgungssicherheit zu gewährleisten, insbesondere als Backup bei sogenannten Dunkelflauten (wenig Wind und Sonne). Könnten Biogaskraftwerke statt neuer Erdgaskraftwerke eingesetzt werden, um die Stromversorgungssicherheit zu gewährleisten, Netzengpässe zu reduzieren und die Grundlast zu sichern?
Ja, wie die Energy Watchgroup mit Hans Josef Fell zeigt, können flexible Biogasanlagen bis zur Hälfte der notwendigen Leistung erbringen. Dazu müssten alle derzeit noch konstant fahrenden Biogasanlagen flexibilisiert werden. Die Technik ist bekannt, bewährt und schon immer öfter im Einsatz. Doch zu einem großflächigen Umbau reichen die aktuellen Anreize nicht. Wasserstoff aus überschüssiger Erneuerbare-Energien-Produktion kann einen weiteren signifikanten Beitrag leisten. Da ist die Technik zwar auch schon weit, aber der Ausbau hinkt den Zielen deutlich hinterher. Weitere Batterietechnologien wie Redox-Flow-Batterien mit organischen Speicherflüssigkeiten oder Natrium-Ionen-Batterien können in Zukunft eine große Rolle spielen, da für beide die Rohstoffe kaum limitiert sind. Insgesamt sind mehrere Technologien schon heute einsetzbar, aber es fehlen die Anreize aus der Politik für eine schnelle Umsetzung und Ausbreitung.